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Serie: So weiten Sie ihr Web-Geschäft international aus
Das Wachstum des Internets verlangsamt sich in
den USA. Mehr als 50% aller US-Haushalte haben mittlerweile einen
Internetzugang, der Web-Verkehr nimmt nicht mehr so schnell zu wie zuvor.
Langsameres Internet-Wachstum bedeutet auch langsameres Umsatz-Wachstum
und geringere Gewinne. Wall Street spitzt die Ohren, immer auf dem Sprung,
Investitionen aus Unternehmen abzuziehen, deren Ergebnisse enttäuschen.
Die Folge: Die Kurse und damit die Marktkapitalisierungen der Firmen würden
in den Keller gehen.
Aggressiv verfolgen deshalb US-amerikanische
Unternehmen internationale Expansionspläne: in Europa, aber zunehmend
auch in Asien und in Südamerika. Wollen Web-Unternehmer in Europa nicht völlig
unter die Räder kommen, beginnen sie besser heute damit, ihr Geschäft
international auszuweiten.
In einer siebenteiligen Serie stellt Ihnen der San
Francisco Newsletter die wichtigsten Web-Zukunftsmärkte der Welt vor.
Teil 6: Asien. In der August-Ausgabe: Hightech-Zentren außerhalb des
Silicon Valley.
In
den letzten beiden Ausgaben des San Francisco Reports berichteten wir über
die Wachstumsmärkte China und Japan. Doch auch andere Gegenden heben ab. Südkorea
hat sich inzwischen vom wenig beachteten Insidertipp zum ernst zunehmenden
Konkurrenten für Japan und China gemausert. Indien etabliert sich als
‘virtuelle Werkbank’, Singapur als Breitbandmetropole. Hongkong dagegen,
früher das einzige Tor des Westens nach China, kämpft um Standortvorteile.
Südkorea: Runde Mischung
Nicht
nur die Verhandlungen und kommende Handelsabkommen mit Nordkorea geben
Hoffnung in der Tigerregion, auch Geschäftsführer einflussreicher
amerikanischen Unternehmen sehen Südkorea schon lange nicht mehr als zweite
Wahl in Asien. Erst kürzlich verkündete Cisco-Boss John Chambers in der
koreanischen Hauptstadt Seoul, dass die Umsätze des Unternehmens in Südkorea
um 300 Prozent gestiegen seien. Chambers glaubt, dass Südkorea bereits
jetzt weltweit an Nummer Drei der Internet-Ökonomie steht, gleich hinter
den USA und Großbritannien.
Warum
sind amerikanische Unternehmen so interessiert an einem vergleichsweise
kleinen Land mit nur 46 Millionen Einwohnern? Das Geheimnis Südkoreas liegt
in der Ausgeglichenheit des Marktes: Während in China die PC- und
Internet-Penetration sehr gering sind und in Japan vor allem der
Drahtlos-Markt abhebt, braucht man in Südkorea keine Traumschlösser zu
bauen, die auf Marktpotenziale des Jahres 2005 zielen. China mag ja in der
Zukunft der Riese Asiens sein, doch hat in Südkorea die Zukunft bereits
begonnen: Nach Angaben des Korea Internet Information Center (KIIC) sind
bereits 14,5 Millionen Südkoreaner im Internet unterwegs. Das sind fast so
viele wie in Deutschland. Darüber hinaus schätzt das KIIC, dass schon Ende
dieses Jahres fast 30 Millionen Südkoreaner im Netz sein werden. Zum
Vergleich: Laut IDC sind momentan nur 9 Millionen Chinesen im Netz. Zwar
sollen 2003 schon 43,9 Millionen Chinesen online sein, doch unterscheidet Südkorea
von China, dass dass Bruttosozialprodukt pro Einwohner mit 13.700 US-Dollar
im Jahr erheblich höher ist als das in der Volksrepublik (3.600 Dollar) (CIA
World Factbook).
Die
Masse allein macht es also nicht -- jedenfalls noch nicht. In Südkorea sind
gleich drei Märkte interessant: der Massenmarkt (B2C), der
Unternehmenshandel (B2B) und der M-Handel, also der Verkauf von Waren via
mobilen Internetzugangsgeräten (M-Commerce). Nach Angaben des “Ministry
of Information and Communication” in Seoul sollen schon im Jahr 2002 25
Millionen aller Südkoreaner ein Handy haben. Angezogen von solchen
Vorhersagen ist es kein Wunder, dass immer mehr westliche Geschäftsleute in
Seoul und in Inchon, dem “Media Valley”, zu sehen sind. Allein im
Auktionsbereich will sowohl eBay als auch
der deutsche Protagonist Ricardo, kürzlich
mit QXL fusioniert, nach Südkorea. Nach
Angaben des Marktforschungsunternehmens eMarketer
sollen die E-Commerce-Umsätze in Südkorea in diesem Jahr auf eine
Milliarde US-Dollar verdreifachen (1999: 351,4 Millionen Dollar).
Solche
Aussichten ziehen natürlich auch die Risikokapital-Unternehmen an: Nach
Angaben der Small
& Medium Business Administration (SMBA) in Seoul sind bereits 7.100
Risikokapital-Unternehmen angesiedelt, bis zum Ende des Jahres sollen es
sogar 10.000 sein. Und die wollen Geld anlegen: Dementsprechend formieren
sich die Massenmarkt-Anbieter; die guten Startplätze in der
Unternehmenshandels-Arena scheinen bereits vergeben zu sein. Im
Verbrauchermarkt sind insbesondere Einkaufs-Sites wie Interpark
(http://www.interpark.com) und Lotte
Internet Department Store (http://internet.shopping.co.kr)
die Abräumer.
Der Kampf um die besten
Partner
Ohne
Kooperationen läuft in Südkorea gar nichts: Wer in Südkorea in den
Unternehmenshandel einsteigen will, hat immer wieder mit den heimischen
Unternehmensriesen Samsung, LG
Electronics und Hyundai zu tun.
Jede Woche kündigt mindestens eine der Riesenfirmen eine neue Allianz an.
Meistens bestehen die Kooperationen aus zehn bis zwölf Unternehmen, von
denen drei oder vier aus Südkorea stammen. Der Rest sind fast immer
US-Firmen. Hier eine kurze Auswahl der Allianzen:
·
Digitalrank.com:
Internet-Marketing-Kooperation, besteht aus insgesamt elf Unternehmen,
darunter Samsung, Hyundai und LG Telecom.
·
Vertriebsallianz
“e-frame Korea”: Supply-Chain-Management-Kooperation, Investitionen von
bereits 2,2 Millionen Dollar, bisher ist noch nicht bekannt, welche
Unternehmen dahinter stehen.
·
E-Geld-Zusammenarbeit:
18 Unternehmen unterstützen dieses Vorhaben, darunter Visa,
Kookmin Cash und Samsung.
·
Unternehmenshandels-Firma
ehitex.com: angeregt von Samsung,
Partner sind unter anderem HP, AMD
und auch Siemens-Ableger Infineon.
Insgesamt elf Partner wollen zusammen Halbleiter, Computer- und
Unterhaltungselektronik entwickeln.
·
Unternehmenshandels-Firma
e2open.com: begonnen von LG
Electronics, Start im Juli 2000; zwölf Partner, darunter IBM,
I2, Toshiba,
Hitachi, bereits 200 Millionen Dollar
gemeinsame Investitionen.
Nicht
nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Technik ist die Zukunft in Südkorea
bereits angekommen. Vor kurzem wurde das “Asian Internet Network” (AIN)
in Betrieb genommen. Das AIN wird von acht größten
Telekommunikationsunternehmen Asiens unterstützt: Korea
Telecom, KDD Corporation
Japan, Singapore Telecommunications,
Telekom Malaysia, The
Communications Authority of Thailand, Taiwans Chunghwa Telcom, PT
Indosat of Indonesia und Philippines
Long Distance Telephone Co. Das AIN wird eine Bandbreite von bis zu 45
Mbs bieten.
Hongkong: Suche nach neuer
Identität
Wer
früher in Asien Geschäfte machen wollte, insbesondere in China, kam um
Hongkong nicht herum. Doch mit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas und der
Rückgabe Hongkongs an China im Juli 1997 wird es für den Stadtstaat
schwieriger, seine bisherige Stellung zu halten. Damals konnte Honkong
seinen geografischen Standort als Trumpf ausspielen, doch hat dies in der
neuen virtuellen Welt an Bedeutung verloren.
So
soll bis zum Ende des Jahres 2001 der Hongkong “Cyberport” -- ein
riesiges Technologiezentrum direkt am Wasser -- gebaut werden, doch wird
dieses Projekt zunehmend von den ansässigen Unternehmen kritisiert. Der
Grund: Die Nachfrage nach Büroplätzen ist erheblich zurückgegangen, die
Mietpreise sind um 46 Prozent gesunken. “Zu spät und zu ‘gestern’”,
sei der Cyperport, das sagen jedenfalls die asiatischen Firmengründer in
Hongkong, von denen es laut einer Umfrage von Microsoft
etwa 20.000 geben soll. Wer in Hongkong ein Büro sucht, ist besser im 22-stöckigen
“Dot-Com-House” in der Innenstadt bedient. Vorbei ist die Zeit, in der
es um prestigeträchtigen Pomp ging -- viele der Verantwortlichen scheinen
das erst jetzt zu verstehen. Dennoch wird am Cyberport festgehalten. Wer
nach Hongkong gehen will, sollte sich diese Option auf jeden Fall offen
halten, weil die Quadratmeterpreise wohl nur zwischen 1,00 bis 1,50
US-Dollar liegen werden. So richtig heiß ist der Standort Hongkong jedoch
nicht mehr. Viele sind besorgt, dass Investitionen nun direkt ins
‘chinesische Mutterland’ gehen und die ehemalige britische Kronkolonie
übergangen wird.
Dennoch:
Das Leben und die Geschäftskultur in Hongkong sind sicherlich westlicher
als in China. Viele westliche Unternehmer glauben noch immer, dass es
reichen würde, nach Hongkong zu gehen, um von dort aus ganz Asien zu
bedienen. Doch könnte der Standort Hongkong auf der Kippe stehen: Der Markt
ist mit 6,8 Millionen Einwohnern zu klein, und laut Asiaondemand.com
benutzen davon nur 850.000 das Internet. Fast der einzige Grund, um sich für
Hongkong zu entscheiden, könnten die größere Zahl von Risikokapitalgebern
sein und die guten Networking-Möglichkeiten sein.
Singapur: Testlabor für
Breitbandanwendungen
Während
es in Hongkong schon immer nur um den physikalischen Standort ging, feilte
Singapur schon lange an einer anderen Strategie: Das Land – eigentlich
nichts anderes als eine große Stadt mit einigen Vorstädten -- sollte eine
Art Versuchslabor für westliche Firmen werden. Singapur gehört in der Welt
der Hochtechnologie zu den wichtigsten Regionen in Südostasien. Zwar leben
in Singapur nur rund fünf Millionen Menschen. Doch hat der Stadtstaat eine
höhere Internet-Verbreitung als zum Beispiel Deutschland. Der Grund ist das
Breitband-Netzwerk “Singapore One”,
das im vergangenen Jahr startete und das bereits mehr als 40 Prozent aller
Einwohner nutzen. Damit empfiehlt sich Singapur als
Breitband-Versuchskaninchen. Breitbandanwendungen findet man hier überall:
an öffentlichen Terminals, auf Drahtlos-Geräten, im Internet-fähigen
Fernsehen, beim Video-auf-Abruf oder auf Netz-PCs, und sie spielen eine große
Rolle im Leben des technikbegeisterten Singapurianers. Doch nicht nur die
Technologie ist vorhanden, sondern auch das Personal. Singapur hat ein
leistungsfähiges Bildungssystem, das in den vergangenen zwei Jahren rund
35.000 Infotechnologie-Arbeitskräfte ausgebildet hat.
Ein
weiteres Plus für Ausländer: Einen “Kulturschock” wie in Schanghai
oder Neu-Delhi bekommt man in Singapur sicherlich nicht. Wären nicht Klima
und Landschaft, könnte das Land ein schweizer Kanton sein: So sauber ist es
hier, fast schon zu sauber, alles ist wohlgeordnet und sicher.
Bei
aller Euphorie sollte man jedoch nicht vergessen, dass es in Singapur immer
noch keine Meinungsfreiheit gibt. Fortschritt ist gut, so lange es Geld
bringt, sagt man in Singapur. Wer sich kritisch äußert, bekommt sehr
schnell Ärger mit den Behörden, die darum bemüht sind, das Land so
stromlinienförmig wie möglich zu halten. Wer allerdings
Breitbandtechnologien und Inhalte anbieten will oder zumindest deren
Auswirkungen auf die Gesellschaft und Wirtschaftssituation studieren will, für
den ist Singapur eine gute Wahl.
Indien: Virtuell verlängerte
Werkbank
Nicht
erst der Streit um die sogenannten Green Cards für indische Programmierer
hat gezeigt, dass Indien über ein Heer erstklassiger Software-Entwickler
verfügt. Dabei hat das Land im Südosten Asiens noch immer erhebliche
Schwierigkeiten in der wirklichen Welt: Das Land ist überbevölkert, leidet
unter Gesundheitskrisen, und die Mehrheit der Bevölkerung lebt in einer für
deutsche Verhältnisse kaum vorstellbaren Armut. Mit drei Mark am Tag muss
ein Inder im Durschschnitt auskommen. Dementsprechend gering ist auch die
PC- und Internet-Verbreitung: Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens IDC
sind in Indien nur 530.000 Surfer unterwegs, bis März 2001 sollen es dann
1,3 Millionen sein – doch ist das gar nichts im Vergleich zu der Gesamtbevölkerung
von rund einer Milliarde Einwohner. Auch die PC-Durchdringung ist niedrig,
sie liegt bei etwa 19 Prozent (IDC).
Warum
also die Aufregung um das Internet in Indien? Es geht um Fachkräfte. Die
Internet-Revolution gibt den Indern eine einzigartige Chance, die fast schon
ausweglos geglaubte Situation doch noch zu verändern. Im Silicon Valley gehören
Inder zu den erfolgreichsten Pionieren. Fast alle reich und berühmt
gewordenen Unternehmer im Valley sind im “The
India Entrepreneurs”-Netzwerk (http://www.tie.org/) engagiert. Das
Ziel: Indien nicht nur Geld, sondern auch fachliche Unterstützung zu geben.
Inzwischen etabliert sich Indien immer mehr als verlängerten Werkbank:
westliche Firmen lagern Teile ihrer Software-Entwicklung in das Land aus. Überall
tauchen neue Cyberinitiativen auf: in Bangalor, in Neu-Delhi, in der
Finanzhauptstadt Bombay und vor allem in Andra Pradesh, der allerärmsten
Provinz in Indien. Dort sind bereits alle wichtigen US-amerikanischen
Unternehmen am Start; Microsoft und Oracle bauen zur Zeit an einer
‘Hochtechnologie-Universität’, die pro Jahr etwa 5000 Programmierer und
Techniker ausbilden soll.
Wer
in Indien Fuß fassen will, sollte -- wie in allen asiatischen Ländern --
vor Ort nach Partnern suchen. Besonders bietet sich selbstverständlich das
Auslagern von Programmierarbeiten an, denn die Software-Entwickler sind
nicht nur verfügbar, sondern auch billig: Das durchschnittliche
Jahresgehalt eines indischen Programmierers liegt bei etwa 13.000 Mark.
Schon seit Jahren vermitteln verschiedene Unternehmen Kodierer, die führenden
Unternehmen sind Infosys,
Satyam und Wipro.
Reiner Gaertner
Immer haben wir Deutschen uns gefragt, woher wohl der
Ausdruck stammt: Das Geld liegt auf der Straße. Ich verrat’s Ihnen: Aus
Kalifornien. Muss wohl. Denn in nur eineinhalb Jahren habe ich auf San
Franciscos Straßen soviele Lucky Pennies gefunden, dass ich damit einen
fetten Teebecher füllen konnte. Ungelogen. Nicht erfunden. Interessant für
Anthropologen. Jetzt ziehe ich jedesmal, wenn ich wieder einen kupfernen
Cent finde, meine amerikanische Frau auf: „What’s wrong with this
country?“ Sie schlägt mit einem erschöpften „not everybody can be as
anal retentive as the Germans “ zurück. Naja! Ich muss wohl mal alle
meine US-Glückspfennige nehmen und sie zu einem Gläschen Chardonnay
einladen. So zur Versöhnung.
San Francisco, den 18. Juni 2000
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