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Zwei der größten Lieben der Amerikaner: das Auto und das
Internet. Was liegt näher, als beide zu vereinen? Genau das planen
US-Autohersteller: General Motors will im
Herbst diesen Jahres die ersten Automobile auf den Markt bringen, die über
einen drahtlosen Internet-Zugang und sprachgesteuerte Web- und
Internet-Anwendungen verfügen.
2000 US-Dollar sollen diese Systeme für den mobilen
Internetnutzer kosten, ungefähr das, was heute ein Navigationssystem fürs
Auto kostet. Das ganze wird zunächst also eher ein Vergnügen für
Wohlhabende sein. Und trotzdem scheint General Motors fest an den Erfolg des
Einfalls zu glauben: Über eine Million Wagen will das Unternehmen pro Jahr
absetzen.
Hinter den Kulissen arbeiten Computerunternehmen wie IBM,
Motorola, Sun,
Intel und Microsoft
mit den Autoherstellern zusammen, um preiswertere Systeme für den
Auto-Massenmarkt zu entwickeln. Fords
Design-Vizepräsident J. Mays schätzt, dass Internetzugang und
Sprachsteuerung für Feld-Wald-und-Wiesen-Automobile noch drei bis fünf
Jahre in der Zukunft liegen. Das Preisschild für den Auto-Web-Browser im
Jahr 2003: rund 300 Dollar.
Das ist immer noch ein Aufschlag, der die meisten Autokäufer
heftig schlucken lassen wird – da müssen die schlauen Kisten schon was
ganz besonderes zu bieten haben.
Eine der wichtigsten automobilen Web-Anwendungen der
Zukunft: Online-Landkarten und –Streckenbeschreibungen – und zwar gratis
und nicht für 2000 Dollar. Nie wieder schwitzen und fluchen, wenn man in
einer fremden Stadt den Weg sucht! Technisch am einfachsten wird die Einführung
dieser Produkte in den Vereinigten Staaten sein. Sogenannte „navigierbare
Kartendaten“ stellt hier der Staat kostenlos zur Verfügung. Dies sind
Daten, die so aufbereitet sind, dass eine Software den optimalen Weg
zwischen den Punkten A und B berechnen kann. Firmen wie Mapquest,
die führende Herstellerin von digitalen Karten und Streckenbeschreibungen
in den USA, nehmen diese Daten und bringen sie gratis auf dem Web online.
(Lassen Sie sich doch einfach mal von Mapquest zeigen, wie
man von unserem Haus zum Büro meiner Freundin Marina bei iSyndicate fährt.)
Diese Web-Anwendung bietet Mapquest nicht nur für PC-Browser an, sondern
auch für drahtlose Handrechner mit Internetzugang wie den Palm
VII oder den Palm V mit dem neuen Drahtlos-Modem Minstrel V von OmnSky.
Da ist es nur noch ein Schritt zum Webbrowser im Auto, der dem Fahrer sagt:
„Nach hundert Metern: Bitte links abbiegen!“ Toyotas
(bisher nicht webbasiertes) System Monet zeigt sogar Live-Bilder von
Verkehrsknotenpunkten. Hier wird das drahtlose Internet im Auto sehr plötzlich
sehr sehr cool.
In Europa wird es schwieriger sein, solche Gratis-Systeme
einzuführen. Der führende Hersteller digitaler Karten für Europa ist Navigation
Technologies in Belgien. Das Unternehmen muss navigierbare Daten selbst
produzieren. Das ist teuer – sehr teuer. Autohersteller, die Navtech-Daten
für Navigationssysteme verwenden wollen, bezahlen dafür Millionenbeträge
(und Sie haben sich gewundert, warum die Software-Lotsen so teuer sind).
Kein Wunder, dass Firmen wie Navtech kein Interesse daran haben, Websites
dabei zu helfen, kostenlose Webgeschreibungen wie in den USA zu veröffentlichen,
die dann mehr oder weniger gratis auf Web-Browsern in Autos wieder
auftauchen – und ihr Geschäftsmodell ruinieren.
Die zweite wichtige Gruppe von Online-Anwendungen im Auto:
Alles rund um den Betrieb des Wagens und die Sicherheit der Passagiere. Das
Web-Navigationssystem für das Auto käme mit einem Global Positioning
System (GPS). Der Wagen weiß also jederzeit, wo es sich befindet. Nützlicher
Nebeneffekt: Bei einem Unfall würde das Auto selbsttätig Hilfe
herbeirufen. Merkt das Auto, dass bald das Benzin ausgeht, könnte es dem
Fahrer sagen, wie er zur nächsten Tankstelle kommt – oder zu der mit dem
günstigsten Preis. Wird ein Ölwechsel fällig, könnte es den Fahrer
darauf aufmerksam machen – und gleich die nächste Vertragswerkstatt
ausfindig machen sowie einen Termin für die Wartung vereinbaren.
Nichts hindert solche Systeme technisch daran, Fahrer und
Passagieren auch ganz gewöhnliche Web-Inhalte anzubieten: Der automobile
Web-Browser würde Nachrichten, Sportergebnisse, Aktienkurse und E-Mails
einfach vorlesen, während man fährt. Die erforderliche Technologie
entwickeln Firmen wie TellMe – bisher
noch für die Web-Nutzung per Telefon (siehe Das
neueste Internet-Zugangsgerät? Das Telefon).
Selbstverständlich müssen sich die Anwendungen ausschließlich
per Spracheingabe und -ausgabe nutzen lassen. Displays und Tastaturen würden
den Fahrer zu sehr ablenken: Das New England Journal of Medicine veröffentlichte
eine Untersuchung, nach der die Nutzung eines Handys, während man fährt,
die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls vervierfacht.
Der Durchbruch in den Massenmarkt wird der neuen Idee erst
gelingen, wenn sie Anwendungen anbieten kann, die große Datenmengen
bewegen: Mit dem Auto der Zukunft werden Sie telefonieren können, ohne die
Hand vom Steuer zu nehmen. Quengelige Kinder auf der langen Urlaubsreise
unterhalten Sie mit Fernsehen, Videofilmen und Spielen frisch vom Web. Sie
sind Deutscher und arbeiten in San Francisco? Selbstverständlich können
sie Bayern
V aktuell im web-basierten Autoradio hören!
Doch damit das klappt, braucht es drahtlose
Hochgeschwindigkeitszugänge zum Internet. Die wird es in gut einem Jahr
geben, wenn die ersten Handys auf den Markt kommen, welche die neue
Mobiltelefon-Norm UMTS Universal Mobile
Telecommunications System unterstützen (siehe Drahtloses
Internet und der Tod des PC). Die Norm wird Datentransfers mit bis zu 2
MBit pro Sekunde erlauben (gut 2 Millionen Bit oder gut 260.000 Buchstaben
pro Sekunde) -- mehr als genug für alle Multimedia-Anwendungen.
Was das Web im Auto billiger machen könnte und vielleicht
sogar kostenlos: Anzeigen, welche Überraschung! Autohersteller könnten
Anzeigenkunden den Kontakt zu so vielen potentiellen Kunden anbieten, dass
selbst riesige Fernsehsender wie NBC oder ABC vor Neid erblassen würden, so
Sun-Chef Scott McNealy, der die Web-fähigen Automobile der Zukunft
„nichts anderes als Java-Browser auf Rädern“ nennt.
Kurze Werbeclips wie im Radio könnten Ihnen
beispielsweise mitteilen, dass die Aktienkurse vom Consors Discountbroker
gesponsort werden. Und wenn Ihnen das Benzin ausgeht, könnte Ihnen Ihr
Wagen zwar alle Aral-Stationen im Umkreis von fünf Kilometern vorschlagen,
aber nicht die Esso-Stationen – Aral hat den Autohersteller bezahlt, Esso
nicht.
Wer dieser
Tage Instant Messenger Anwendungen benutzt, etwa den Yahoo!
Messenger, AOLs Dienste AIM und ICQ
oder Excite@Homes PAL, wird eine
interessante Entdeckung machen: Alle Dienste unterstützen neuerdings nicht
nur den Austausch von Textnachrichten, sondern auch von Sprache.
Alles, was
man dazu braucht, ist ein Rechner mit Mikrophon und Lautsprecher sowie eine
Internetverbindung. Sie wählen einfach den Namen des Gesprächspartners in
einem Auswahlfenster und klicken das Kommando „Voice Chat“ an. Das
Messenger-System baut die Verbindung auf, und schon kann man sich per
Internet unterhalten -- kostenlos.
Dabei ist
es egal, ob der eine Partner in Johannesburg sitzt und der andere in Gütersloh.
Das bedeutet nichts anderes, als dass der PC (oder zukünftig andere
Internet-Zugangsgeräte wie Handrechner und Spielkonsolen) den
Telefonapparat abschafft – und die Telefongesellschaften, welche bisher
die Verbindung bereitstellten.
Was wir da
sehen, sind die ersten zarten Blüten einer Telekommunikationsrevolution:
Die Portale träumen davon, ein Stück von der Ferngesprächs-Torte
abzuschneiden, die bisher traditionelle Telefongesellschaften unter sich
aufteilen. Astronomische Umsätze ließen sich so in ihre Kassen spülen.
Experten trauen AOL beispielsweise zu, langfristig selbst
Telekommunikationsriesen wie AT&T
Konkurrenz zu machen.
Diese
sprachfähigen Instant-Messenger-Dienste sind nur eine Geschmacksrichtung
einer neuen, breiteren Entwicklung: der Internet-Telefonie. Unternehmen wie Net2Phone
erlauben ihren Nutzern, von PC zu PC zu telefonieren, von PC zu herkömmlichem
Telefon, oder gar Gespräche zwischen herkömmlichen Telefonen zu führen,
alles via Internet. AOL hat auch hier ihren Finger in der Torte: Das
Unternehmen von Steve Case hält bereits einen großen Anteil an Net2Phone
und will ihn auf eine Mehrheit ausbauen.
Internet-gestützte
Telefonie hat eine gute Chance, in Zukunft einen Teil des traditionellen
Telefonverkehrs abzuwickeln. Der Grund: Die dafür nötige Techologie ist
billiger, was auch geringere Kosten für die Nutzer bedeutet.
Internet-Telefonate
sind billiger als die 124 Jahre alte Telefontechnik, weil das Internet das
Gespräch durch jene Leitungen schickt, die gerade frei sind. Telefongespräche
brauchen keine eigenen, „dedizierten“ Leitungen mehr. Auch sind
Internet-Router, jene Schalter, die den Datenverkehr durch das Netz
navigieren, viel billiger als jene für das Telefonnetz: Sie kosten nur
einige zehntausend Dollar statt Millionen. Das Resultat: Ferngespräche per
Internet kosten nur rund ein Viertel eines normalen Ferngesprächs.
Internet-Telefonie
ist nicht nur billiger, sondern kann auch mehr. Einfachere und billigere
Telefonkonferenzen sind nur der Anfang. Die ersten Websites bieten
Live-Kundenbetreuung per Sprache an (bisher brechen Web-Nutzer 80% aller
Transaktionen in Online-Läden ab, und eine Sprechverbindung zwischen Kunde
und Website-Verkäufer könnte das ändern, siehe Drei
von vier Kunden lassen ihre Einkaufswagen stehen – hilft
Live-Kundenberatung?).
Voyant Technologies will bald
Telefongespräche für Palm-Handrechner anbieten, die über drahtlosen
Internetzugang verfügen. Ein Traum wird wahr: Der Handrechner schluckt das
Handy, und Telefonnummern lassen sich per Klick im Adressbuch wählen. Und
es ist nur eine Frage der Zeit, bis schnelle Internet-Breitbandverbindungen
billige Videotelefonie und Videokonferenzen ermöglichen.
Viel Geld
wird auch stecken in dem Bemühen der traditionellen Telefongesellschaften,
ihre alte Telefontechnik mit der billigeren und flexibleren
Internet-Technologie zu ersetzen. Sie nutzen einfach Internet-Protokolle und
Internet-Hardware für die interne Sprachdatenübertragung, um Geld zu
sparen. Diese Variante der Entwicklung nennt sich IP-Telefonie (nach dem Kürzel
IP für Internet Protocol). Telefongesellschaften wie AT&T
investieren Milliarden in diese Umstellung.
Noch
bleibt viel Arbeit zu tun: Obwohl die Entwickler die Klanggüte der Sprachübertragung
erheblich verbessert haben, klingt die Stimme des Gesprächspartners
bisweilen noch so, als ob sie aus der Kloschüssel käme. Wenn Sie den Hörer
Ihres normalen Telefons abheben und eine Nummer wählen, kommt die
Verbindung in 99,999 Prozent aller Fälle zu Stande (von Besetztzeichen mal
abgesehen). Und selbst wenn der Strom ausfällt, können Sie immer noch
telefonieren, weil das Telefonsystem eine eigene Stromversorgung hat. Das
Internet dagegen bricht heute noch regelmäßig zusammen, und bei einem
Stromausfall fällt auch das Internet aus.
Und obwohl
mehr unserer Telefongespräche in Zukunft per Internet abgewickelt werden
werden (oft, ohne dass wir dies wissen), wird Internet-Telefonie herkömmlichen
Telefongesprächen den Rang nicht kurzfristig ablaufen: Die Marktforscher
von Probe Research sagen voraus,
dass selbst im Jahr 2010 5,7 Billionen Telefongesprächsminuten über
traditionelle Leitungen übertragen werden, im Vergleich zu nur 3 Milliarden
über das Internet -- das sind gerade mal 0,5 Promille.
Frauen sind eben einfach kommunikativer als Männer, auch
auf dem Internet: Eine Untersuchung des Pew
Research Centers hat jetzt ergeben, das sich für 71 Prozent der Frauen
mit der Nutzung von E-Mail die Kontakte zu Verwandten und Freunden
verbessert haben – aber nur für 61% der Männer. Hamwa’s doch gewusst!
San Francisco, den 30. April 2000
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