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Das Ende der Zensur: Freiheit für Dissidenten –
und Pädophile?
Mehr ungefilterte Informationen für alle, bessere
Meinungsbildung, Emanzipation, eine bessere Welt – das war eine der Verheißungen
des Internets. Neue Technologien versprechen radikale Meinungsfreiheit –
doch vielleicht werden wir uns bald fühlen wie der Zauberlehrling, der die
Geister, die er rief, nun nicht mehr los wird.
Angefangen hat alles vor kurzem mit einer Gruppe von
AOL-Programmierern, die ein Programm namens Gnutella entwickelt hatten (die
gleichen, die den Musikspieler Winamp entwickelt haben). Es erlaubt Nutzern,
Dateien über das Internet miteinander auszutauschen, ohne dass dies jemand
kontrollieren oder verhindern kann – ein Paradies für Software- und
Musik-Piraten. Ungewohnt schnell reagierte die AOL-Bürokratie und schloss
binen eines Tages die Gnutella-Website– zu spät. Ungezählte Kopien von Gnutella
sind auf dem Web unterwegs, und niemand, auch AOL nicht, kann den Djinni,
einmal aus der Flasche entkommen, wieder einfangen. Gnutella verbreitet sich
wie ein Steppenbrand, und munter tauschen Gnutella-Nutzer Musikstücke,
kommerzielle Anwendungen und Spiele miteinander aus.
Warum niemand die neue Freiheit auf dem Internet
verhindern kann? Gnutella ist ein verteilter Datei-Server: Nutzer, die das
System unterstützen wollen, spielen die Gnutella-Software auf ihren Rechner
mit Internetzugang, der sich dann mit anderen Gnutella-Rechnern abgleicht:
Alle Dateien, die jemand auf einem Gnutella-Rechner veröffentlicht, werden
auf mehrere Maschinen verteilt und sind auf allen teilnehmenden Computern
verfügbar. Damit bietet sich Zensoren – und der Polizei – kein Ziel
mehr. Einem Gnutella-Rechner kann man noch das Licht ausblasen –
aber tausenden in dutzenden von Ländern?
Im Januar trat in Australien nach langer Diskussion mit
dem Online Services Act das weltweit strengste Internet-Zensurgesetz
einer Demokratie in Kraft. Als Reaktion darauf, und um die Meinungsfreiheit
auf dem Internet zu gewährleisten, programmiert eine Gruppe unabhängiger
Entwickler um den Iren Ian Clark seit 18 Monaten eine neue Software namens Freenet,
die Ende März erscheinen soll. Das Produkt des Open-Source-Projekts wird
das gleiche leisten wie Gnutella. Obendrein können sowohl Betreiber von
Freenet-Servern als auch deren Nutzer anonym bleiben. Zudem ist das System
so gestaltet, dass es sehr schwierig ist, den Datenverkehr zwischen
Freenet-Rechnern nachzuvollziehen. Versucht jemand, eine Datei aus dem
Freenet-Netzwerk zu entfernen, kopiert das System diese Datei selbsttätig
auf mehrere andere Knoten des Netzwerks: eine Hydra der Meinungsfreiheit.
Das ist das Ende der Zensur und des Urheberrechts –
unwiederruflich. Das hat Vorzüge und Nachteile. Gut ist das für die
Meinungsfreiheit, besonders in Ländern wie China und Singapur, wo
Dissidenten, Oppositionelle und Bürgerrechtler der Verfolgung ausgesetzt
sind. Schlecht ist, dass diese Meinungsfreiheit auch für Kriminelle gilt,
etwa für Pädophile, Terroristen oder Software-Piraten. Hoffentlich
bedeutet totale Meinungsfreiheit nicht in Wirklichkeit Anarchie.
Das Neueste von der Web-Navigation
Vor
fast einem Jahr habe ich an dieser Stelle von der damals neuen Suchmaschine Google
berichtet. Google war in einer Hinsicht ein Durchbruch: Sie war die erste
Suchmaschine –also eine von einem Software-Automaten produzierte
Navigationshilfe- deren Suchergebnisse so phänomenal genau sind, dass sie
es mit händisch hergestellten Verzeichnisse wie Yahoo!
aufnehmen kann. Und sucht man nach Quellen zu exotischen Themen, dann fährt
Google sogar Kreise um Yahoo!.
Google
hatte nur wie alle Suchmaschinen einen Mangel: Ergebnisse erhielt der Nutzer
nur, nachdem er in einem Eingabefeld Suchbegriffe eingegeben. Das ist in
zwei Fällen ein Problem. Erstens: Anfänger sind vom nackten Eingabefeld
oft eingeschüchtert. “Was kann ich denn jetzt da eingeben?” Ihnen liegt
es mehr, sich –möglich in Verzeichnissen wie Yahoo!-- langsam durch einen
hierarchischen systematischen Katalog voranzutasten, bis sie das Gewünschte
finden (die US-Kollegen nennen dies das Drill-Down-Verfahren). Und
zweitens: Manchmal weiß man selbst als erfahrener Anwender nur ungefähr,
wonach man eigentlich sucht: “Hmmm… da gab’s doch diesen Fettersatz,
wie hieß der doch gleich wieder… Elestra? Olestrol? Und der hatte doch
diese unangenehme Nebenwirkung auf das Verdauungssystem…
Hyperfunguappendicitis?” Selbst wenn man nicht einmal einen bestimmten
Suchbegriff hat, führt das Vortasten durch einen systematischen Katalog oft
zum Ziel: Voilá, der Ersatzstoff heißt Olestra, und über die Nebenwirkung
breite ich an dieser Stelle lieber den barmherzigen Mantel des Schweigens.
Ein
deutscher Neuling unter den Suchmaschinen, Twirlix,
hat diesen Mangel schon vor einiger Zeit abgestellt: Web-Sites, welche die
Suchmaschine erfasst, ordnet sie automatisch in einen systematischen Katalog
ein (Twirlix ist Kunde der Brightheads PR & Marketing Consulting GmbH,
dem Auftraggeber dieses Newsletters). So können sowohl Einsteiger als auch
Experten mit ihrer Lieblingsmethode finden, was sie suchen. Das Haar in der
Suppe des Twirlix-Teams um Gründer Christian Strasheim: Google bietet
neuerdings die gleiche Funktion an. Und Northern
Light bietet zwar kein ausgewachsenes hierarchisches Verzeichnis an,
gruppiert aber Suchergebnisse nach Themen in Ordnern.
Und
dann gibt’s da noch den “Menschen helfen Menschen”-Ansatz. LookSmart
ist wie Yahoo! ein manuell hergestelltes Web-Verzeichnis. So weit, so
normal: Doch in LookSmart Live können
Nutzer Fragen stellen, und andere Benutzer, die sich in dem jeweiligen Feld
auskennen, können sie beantworten. Diese Experten verdienen dabei
Online-Rabattmarken namens ClickMiles, mit denen sie zu Sonderpreisen auf
dem Web einkaufen können. Beantwortet keiner der Anwender-Experten eine
Frage innerhalb von 24 Stunden, nimmt sich einer der LookSmart-Redakteure
des Problems an.
Wie
wär’s mit einem Diplom in Computerspielen? Die Universität von
Kalifornien in Irvine bietet einen neuen Studiengang in Computerspielen an:
das Interdisciplinary Gaming Studies Program soll Studenten darauf
vorbereiten, Computerspiele zu designen, zu programmieren, ihre
gesellschaftlichen Auswirkungen zu verstehen, kurz, alles zu wissen, was man
braucht, um eine Karriere in dieser Industrie zu machen. Seminare in
Psychologie, Soziologie, Design und Anatomie sind nur einige Teile des
Programms. Das ganze ist beileibe kein Spaß: Die Computerspiele-Industrie
setzt allein in der Vereinigten Staaten pro Jahr 7 Milliarden US-Dollar um.
San
Francisco, den 28. März 2000
Ihr
Karsten Weide
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