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Elektronische Brieftaschen, zweiter Versuch
Wäre es nicht schön, wenn der Online-Kauf einer CD
einfacher wäre als das Ausfüllen der Einkommensteuererklärung? Statt
dessen müssen Sie jedesmal, wenn Sie bei einem Online-Shop einkaufen
wollen, ein Anmeldeformular mit den immer gleichen Angaben ausfüllen: Name,
Vorname, Strasse, Ort, Postleitzahl, Telefon, E-Mail-Adresse,
Kreditkartennummer, Nutzername, Passwort. Selbst wenn Sie schon angemeldet
sind, müssen Sie sich Ihr Login und Passwort merken.
Digital Wallets sollen Nutzern gegen zwei der größten
Nervensägen und Zeiträuber des Webs helfen: Sich Logins und Passwörter zu
merken und sich bei Sites anzumelden. Besucht ein Anwender eine Website, und
muss er sich dort einloggen oder anmelden, öffnet sich selbsttätig ein
Fenster, mit dem sich beides mit einem Mausklick ausfüllen lässt. Presto!
Einmal bei einem Dienst eingeloggt, steht einem schnellen und sicheren Kauf
per Brieftasche nichts mehr im Weg.
Wohlgemerkt: Diese neuen E-Brieftaschen haben
nichts zu tun mit bisher traurig gescheiterten Versuchen, digitale Währungen
für den Online-Kauf einzuführen. Die neuen Lösungen speichern lediglich
persönliche Angaben und eine Kreditkartennummer (in Europa müssten
Nachahmer dies selbstverständlich durch die Möglichkeit des
Lastschriftverfahrens ergänzen).
Bekanntesten der neuen Brieftaschen sind Microsoft
Passport (mit einer Reichweite von 26,9% in der US-Nutzerschaft oder
fast 18 Millionen Besuchern im Januar; Quelle: PC
Data Online), sowie Gator (2,4% oder
3,6 Millionen Nutzer).
Andere bekannte Angebote sind Brodias
Remote Control Shopping, Opass’ Power
Wallet sowie EntryPoints
eWallet.
Yahoo!
ist mit Yahoo! Wallet ebenso zum
Kreis der Brieftaschen-Unternehmen hinzugestossen wie AOL
mit Quick Checkout. Beide Dienste unterstützen jedoch nur Läden auf dem
jeweiligen Dienst.
Das Geschäftsmodell der Angebote ist in der Regel eine
Mischung aus Anzeigen sowie aus Gebühren. Die Werbung lassen die Dienste
auf ihren Sites laufen und in den Pop-up-Fenstern, welche Login,
Anmeldung und Bestellung erlauben. Der Vorteil fürt Anzeigenkunden: Die
Sites wissen von jedem Kunden genau, was er einkaufen will. So lassen
sich Anzeigen gezielt plazieren. Manche Sites, etwa Microsoft Passsport,
verlangen von jedenen Online-Läden, die sie unterstützen, eine jährliche
Pauschale, die sich zwischen wenigen hundert Dollar für Läden und mehreren
hunderttausend Dollar für Kaufhäuser bewegt. Noch vielversprechender ist
die Perspektive: Hat man erst einmal so viele Nutzer gewonnen, dass die
Geschäfte einen wesentlichen Teil ihres Umsatzes den E-Brieftaschen
verdanken, könnte man dann nicht ein paar Cent Anteil pro abgeschlossenem
Handel einstreichen?
Doch hat der gute Einfall auch einige Haken: Es gibt
keine verbeitete Norm, die es E-Brieftaschen erlauben würde, auf jeder
Website die Eingabefelder auszufüllen. Denn die Anwendung muss erkennen,
welche Angaben die Site in welchem Feld erwartet – und das kann sich von
Site zu Site unterscheiden (gar nicht zu reden von den häufigen Änderungen
im Website-Layout). So müssen die E-Brieftaschen-Entwickler sich jeden
Online-Shop ansehen und ihre Anwendungen entsprechend anpassen. Ein Standard
namens Electronic Commerce Modeling Language (ECML) ist zwar vor kurzem
herausgekommen, doch setzen bisher nur wenige Online-Geschäfte ihn ein.
Datenschutzprobleme sind ein weiterer Stolperstein: Ist
es wirklich sicher, wenn Firmen wie Microsoft oder Gator tausende von
Kreditkartennummern auf ihren Servern speichern? OK, die Nummern liegen auf
einem “sicheren” Server und sind obendrein verschlüsselt – doch
hatten erst vor kurzem Hacker Kreditkartennummern auf CD
Universe und auf RealNames.com
gestohlen und mit ihrer Veröffentlichung gedroht. Und Microsoft – ist das
nicht die Firma, deren E-Mail-Dienst Hotmail
eine solche Sicherheitslücke hatte, dass auch noch der letzte Trottel
private E-Mails ausspionieren konnte?
Dritter
Haken: Nur wenige Händler unterstützen bisher E-Brieftaschen. Das gilt vor
allem für jene Dienste, die von den Händlern Gebühren verlangen oder
voraussetzen, dass sie eine besondere Software auf ihren Rechnern
einrichten. Der zusätzliche Umsatz, den sie dank der E-Brieftaschen machen,
ist noch so klein, dass sie keinen Grund sehen Microsoft und Konsorten eine
Gebühr zu bezahlen oder an ihrer Software herumzuwürgen. Microsoft
Passport beispielsweise hat deshalb bisher nur wenige hundert Kaufleute
davon überzeugen können, sich bei dem Dienst anzumelden. Anders ist das
bei Diensten wie Gator, die weder Gebühren noch Software-Anpassung
verlangen: Diese Dienst unterstützt über 5000 Sites.
Noch sind E-Brieftaschen kein Publikumsliebling. Eine
Umfrage bei 6800 Online-Shoppern der Firmenauskunftei Bizrate.com
ergab, dass nur 26% schon einmal von E-Brieftaschen gehört hatten. Und nur
6% würden es ablehnen, bei einer Website zu kaufen, die Wallets nicht
unterstützt.
Vielleicht wird auch eine einfachere Lösung den
Brieftaschen den Rang ablaufen: Viele Websites, Amazon.com beispielsweise,
speichern Liefer- und Rechnungsdaten sicher in einem Cookie (einer kleinen
Datei) auf dem Rechner des Kunden, und laden diese Daten per sicherer
Verbindung nur dann, wenn der Nutzer einen Kauf abschließen will.
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