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Neue Serie: So weiten Sie ihr Web-Geschäft international aus
Das Wachstum des Internets verlangsamt sich in
den USA. Mehr als 50% aller US-Haushalte haben mittlerweile einen
Internetzugang, der Web-Verkehr nimmt nicht mehr so schnell zu wie zuvor.
Langsameres Internet-Wachstum bedeutet auch langsameres Umsatz-Wachstum
und geringere Gewinne. Wall Street spitzt die Ohren, immer auf dem Sprung,
Investitionen aus Unternehmen abzuziehen, deren Ergebnisse enttäuschen.
Die Folge: Die Kurse und damit die Marktkapitalisierungen der Firmen würden
in den Keller gehen.
Aggressiv verfolgen deshalb US-amerikanische
Unternehmen internationale Expansionspläne: in Europa, aber zunehmend
auch in Asien und in Südamerika. Wollen Web-Unternehmer in Europa nicht völlig
unter die Räder kommen, beginnen sie besser heute damit, ihr Geschäft
international auszuweiten.
In einer neuen fünfteiligen Serie stellt Ihnen
der San Francisco Newsletter die wichtigsten Web-Zukunftsmärkte der Welt
vor. Teil 1: Israel. In der Märzausgabe: Südamerika.
Israels
“Silicon Wadi”: Das gelobte Land
Die israelische
Internet-Industrie ist in einem ähnlichen Stadium wie ein jüdisches
Kind, das im Bar Mitzvah in die Welt der Erwachsenen eingelassen
wird: Bar Mitzvah steht für Reife, Anerkennung und Potenzial.
Firmenneugründungen
wie ICQ, Checkpoint
und Orckit weisen den Weg Israels zur
Internet-Supermacht. Vor allem US-amerikanische Anleger stehen Schlange,
um mit der noch jungen Hightech-Branche zu wachsen. Allein im Jahr 1999
flossen laut dem Marktforschungsunternehmen PriceWaterhouse
Coopers etwa 1 Milliarde US-Dollar in israelische Unternehmen, davon
72 Prozent in Internet-Firmen. Warum hat ein so kleines Land mit nur 5,9
Millionen Einwohnern so viel Erfolg? Die Gründe dafür sind vielfältig: hervorragende
Ausbildung in Schulen und beim Militär, die brisante politische
Situation, russische Immigranten, israelischer Stolz, internationales
Netzwerk, Globalität und ausländische Investoren.
Networking beim Militär
Der Erfolg der
zivilen Hightech-Supermacht Israel ist eng verbunden mit der politischen
Situation und der ständigen Bedrohung durch terroristische Anschläge.
Hightech beginnt in Israel, wenn man die Schule beendet hat. Danach müssen
die jungen Israelis Militärdienst abreißen: drei Jahre die Jungs, zwei
Jahre die Mädchen. Der israelische Wehrdienst gilt als einer der härtesten
der Welt: Statt eine Menge Bier zu saufen und die Zeit tot zu schlagen,
bekommen die israelischen Soldaten eine solide Hightech-Ausbildung, die später
oft der Grundstein für eine Karriere im privaten Sektor ist. Doch mit den
drei Jahren beim Barras sind die Pflichten noch lange nicht abgeleistet:
Bis zum 35ten Lebensjahr müssen pro Jahr durchschnittlich 30 Tage bei der
Armee verbracht werden. Da bilden sich Netzwerke: Unternehmen wie
Checkpoint (Firewalls), Aladdin Knowledge
(Smart Cards), Geo Interactive (Publishing) oder auch Vocaltec
sind alle von Armee-Kumpels gegründet worden. Zusammen entwickelten sie
Verschüsselungsprogramme, Kriegssimulationen, Kompressionssoftware und
Funktechnologie. In der israelischen Kultur liegt es, sich neuen Lagen
anzupassen und sich schnell selbständig zu machen. Während deutsche
Unternehmen die guten Leute für ein Projekt zusammenziehen, kündigen die
Mitarbeiter in Israel lieber und gründen eine eigene Firma. Auch Militärveteranen
suchen das Glück in der Privatwirtschaft, frei nach dem Motto: “Was früher
die russische Technik schlagen sollte, ist in der privaten Wirtschaft
unschlagbar.” Konsequent werden Erkenntnisse vor allem aus der
Telekommunikation in kommerzielle Produkte umgegossen. Israelische
Unternehmen sind weltweit führend in Verschlüsselung, Komprimierung und
Telekommunikation.
Amerika investiert kräftig
Die Vereinigten
Staaten fördern Israel nicht nur militärisch, sondern auch
wirtschaftlich. Die verschiedenen amerikanisch beherrschten
Investmentfonds investierten 1999 in insgesamt 254 Unternehmen in Israel.
Für israelische Unternehmen steht ein Börsengang an der US-Hightech-Börse
Nasdaq ganz oben auf ihrer Zu-Tun-Liste. Gleich 12 Unternehmen schafften
das im vergangenen Jahr und nahmen dabei zusammen 1,9 Milliarden US-Dollar
auf.
Obwohl
Internet-Unternehmen und deren Produkte Exportschlager Nummer Eins sind
– Hightech-Exporte erwirtschafteten laut des Central Bureau of
Statistics 9,2 Milliarden Dollar – ist der heimische Internet-Markt in
Israel noch entwicklungsfähig: Nur etwa 12 - 13 Prozent aller
israelischen Haushalte, etwa 600.000 Nutzer, haben einen Internet-Zugang.
Zwar erwirtschaftet E-Commerce in Israel laut den Marktforschern von NUA
etwa 1 Million US-Dollar pro Monat, doch sind bisher nur rund 1500
Unternehmen online –nur wenige davon mit E-Commerce-Diensten. Doch das
Potenzial ist da: Offline sind Mega-Shopping-Malls der große Renner;
israelische Kunden sind dafür bekannt, dass sie unbändigen Hunger auf ständig
neue Produkte und Spielereien haben. Dabei ist vor allem der Preis
wichtig: Israelis vergleichen, nehmen auch den Extraweg (oder: -Klick) in
Kauf, um die gleiche Ware anderswo günstiger zu bekommen.
Doch wer wirklich
Erfolg haben will, muss exportieren, denn nur vier Prozent des Umsatzes
wird in Israel eingefahren. Im Gegensatz zu vielen amerikanischen oder
auch deutschen Produkten mit großen einheimischen Märkten wird die
Software immer gleich mehrsprachig dokumentiert; das hilft, schneller
verschiedene Märkte abzugrasen.
Ein anderer
wichtiger Aspekt ist der unbedingte Wille, einen großen
Kooperationspartner zu gewinnen. Die Unternehmen lizenzieren die
Technologie dann, bevorzugt sind Lizenzabkommen für drei bis fünf Jahre
mit Lizenzgebühren bei etwa vier bis fünf Prozent des Umsatzes.
Marketing machen
sollen andere. “Die guten Unternehmen wissen, dass sie Marketing nicht
beherrschen, die schlechten versuchen es und scheitern,” meint Jakob
Davidson, Chairman vom NextGen-Telco Deltathree. Israelische Manager sind
als “Sabras” (stachelige Birnen) bekannt: Außen hart und innen weich.
Viele der geltungssüchtigen Geschäftsführer sind sehr ehrlich, aber heißblütig
und wenig kompromissbereit. Auch das liegt in der Kultur, sogar im Knesset
gehen politische Gegner bei hitzigen Debatten gerne mal mit Fäusten auf
einander los. Keine gute Voraussetzung, wenn man etwas verkaufen will. Wer
in Israel Fuß fassen will, braucht Partner vor Ort, die mit den
kulturellen Eigenheit umgehen können.
Mehr Sein als Schein
Im Gegensatz zum
allgegenwärtigen Vorbild “Silicon Valley”, wo die erfolgreichen
Unternehmen mit Glasbauten und architektonischen Wundern protzen,
residieren die meisten Unternehmen in farblosen Vorstadtsiedlungen am
Rande von Tel Aviv, nördlich in Haifa oder in Jerusalem. Unternehmen in
und um Tel Aviv sind die Lieblingskinder der Investoren aus dem Ausland.
Etwa 78 Prozent der Investitionen flossen laut PriceWaterhouse Coopers
nach Tel Aviv, 14 Prozent in die Hafenstadt Haifa und 8 Prozent nach
Jerusalem.
Immer öfter
sieht man auch amerikanische Firmenlogos: Compaq
findet sich hier ebenso wie Intel, Sun
oder Silicon Graphics. Statt
Technologie-Unternehmen einzukaufen, lassen die Riesen der Computerbranche
gleich ganz in Israel entwickeln. Intels Pentium-Prozessor beispielsweise
hat eine Gruppe israelisches Entwickler in Herzlyia, eine Autostunde nördlich
von Tel Aviv entwickelt. Gleich nebenan hat Sun eine Java-Denkfabrik
errichtet.
Von den deutschen
Unternehmen sind besonders zwei in Israel engagiert: Siemens
und die Deutsche Telekom. Die Telekom
arbeitet zum Beispiel sehr eng mit dem DSL-Unternehmen Orckit zusammen,
ist mit 22 Prozent an VocalTec beteiligt (Internet-Protocol-Telefonie) und
arbeitet eng mit dem nationalen Telekommunikationsriesen ECI
zusammen. Siemens sucht ebenfalls nach neuen Technologien, in Raana eröffnete
Siemens ein Technologiezentrum.
Wer als
Unternehmer aus dem Ausland eine Vertretung in Israel gründen will, den fördert
die Regierung mit aggressiven Steuervorteilen: Abhängig vom Standort räumt
der Staat für bis zu 10 Jahren Steuerfreiheit ein. Ausländische
Unternehmen zahlen niemals mehr als 32 Prozent Steuern. Man muß sein
Unternehmen beim Justizministerium (Ministry
of Justice) beim “Registrar of Companies” eintragen. Dort benötigt
man deutsche Firmierungsunterlagen, eine Beschreibung des Unternehmens,
Angaben darüber, wer haftet, eine Liste des Vorstandes, Angaben zum Geschäftsführer
sowie Informationen über die lokalen Vertreter – die Registrierung muss
in englischer und hebräischer Sprache verfasst werden. Arbeitsvisa
bekommt man beim ”Employment Service” des Arbeitsministeriums (Ministry
of Labor). Die Hilfe eines Rechtsanwalts macht vieles einfacher: Erste
Anlaufstelle ist das Ministry
of Foreign Affairs.
Russische Emigranten: Wohin mit
der Intelligenz(ia)?
Ein großes Plus
ist die hohe Arbeitsethik der Israelis: Sie arbeiten konzentriert und
effizient. Vor allem russische Einanderer, die in den 90er Jahren zunächst
ein soziales und wirtschaftliches Problem für Israel waren, stellten sich
später als Geschenk des Himmels heraus. In den frühen 90er Jahren
wanderten pro Jahr etwa 70.000 Immigranten aus Russland ein. 40 Prozent
der Neu-Israelis war akademisch gebildet, viele von ihnen hatten in ihrer
alten Heimat Jahrzehnte an Vorhaben in Technik und Medizin gearbeitet.
Doch gab es keine
Arbeit für den plötzlichen Überfluss an Professoren und Doktoren.
“Wie machen wir aus der Not eine Tugend?” fragte sich das israelische
Wirtschaftsministerium. Kurzerhand entschloss es sich, eine Art
Brutkastensystem zu entwickeln. Geld soll es bringen, wirtschaftlich
verwertbar sein. Das waren die Auflagen für die zunächst russischen
Wissenschaftler, um einen Platz in einem der 26 Brutkästen zu bekommen.
Später wurden die Technologiezentren für alles Israelis geöffnet. Ein
Budget von 350.000 US-Dollar bekommen die Wissenschaftler für einen
Zwei-Jahres-Zeitraum, 85 Prozent davon sind geschenkt, den Rest müssen
sie bei Investoren aus der freien Wirtschaft sammeln. Vor allem
amerikanische Anleger stehen Schlange.
Rina Pridor, die
Leiterin des Brutkastenprojektes, sagt: “Die Wissenschaftler denken, sie
wären Unternehmer, doch fehlen die Marketing-Grundlagen. Jeder unserer
Brutkästen hat einen Manager. Er hilft dabei, die richtigen Investoren zu
finden, einen Geschäftsplan zu schreiben und Produkte für den
Massenmarkt zu entwickeln.” Etwa 4,5 Millionen US-Dollar lässt sich die
israelische Regierung das Programm kosten. 50 Prozent der Neugründungen
überleben nach der zweijährigen Anlaufzeit. Nicht schlecht für
Projekte, die die freie Wirtschaft zunächst völlig übersehen hätte.
Sehen Sie sich doch einmal die Website
des Brutkastenprogramms an – hier brüten noch unbekannte Unternehmen
interessante Dienste und Produkte aus.
Bildung: Lerne, soviel Du
kannst
Nicht nur
gewiefte russische Programmierer werden von israelischen Startups mit
Kusshand genommen. Auch einheimische Entwickler gehören zu den besten der
Welt. Allein an der Hightech-Universität Technion
in Haifa sind fast 12.000 Studenten eingeschrieben. Innerhalb der letzten
zwei Jahren haben sich 40 Prozent mehr Hightech-Studenten angemeldet. 28
Prozent aller Israelis haben einen Universitätsabschluss.
Zusätzlich
kehren israelische Studenten zurück, die an den amerikanischen
Elite-Universitäten Stanford, MIT
und Berkeley das Programmieren
gelernt haben. “Yordim” (die Heruntergekommenen) nannte der ehemalige
Premierminister Ytzhak Rabin die Auslandsabtrünnigen, die inzwischen in
Israel Karriere machen und eine neue junge Oberschicht bilden. Statt
zugeknöpft und mit Krawatte, kommt die ”Next Generation” mit
Khaki-Hosen, amerikanischen Sneakers und T-Shirts daher. Wer in Tel Aviv
vor dem I Kazze in der angesagten Sheinkin Street sitzt und die westlich
gekleideten ”YUMPS” (Young Urban Multimedia Professionals) vorbei
schlurfen sieht, fühlt sich fast wie zu Hause im ”South Park I” in
San Francisco.
Politik: Spaßbremse für
Hightech?
Bei aller
Euphorie hat Israel mit einigen anderen Schwierigkeiten zu kämpfen: Da
immer mehr Investoren anstehen, werden Hightech-Unternehmen teurer. Noch
1998 mussten Anleger durchschnittlich nur 1,6 Millionen Dollar in
Firmenneugründungen anlegen, 1999 musste ein angehender Investitor pro
Startup schon satte 3,1 Millionen Dollar einschießen.
Das ist zunächst
gut für die Gründer; doch da die Investoren den schnellen Börsengang im
Sinn haben, werden die Startups enorm unter Druck gesetzt. 80 israelische
Unternehmen haben es an die amerikanische Nasdaq-Börse geschafft, doch
nur wenige konnten sich durchsetzen. Nach einer Untersuchung von Stanley
Morgan befanden sich 1998 65 Prozent aller an der Börse gelisteten
israelischen Unternehmen unter dem Ausgabepreis bei Börsengang. Zudem
schaffen es die Unternehmen anscheinend nicht, ein großes
Vorzeigeunternehmen auf die Beine zu stellen. Microsoft in Israel? Das
Potenzial wäre da, doch lassen sich die Gründer lieber ausbezahlen,
anstatt selbst die Geldbörse in die Hand zu nehmen und Technologie und
-Vermarktungskompetenz einzukaufen. Nur ganz wenige der Unternehmen
erzeugen mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr.
Reiner Gaertner
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