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Elektronisches
Papier: das Web
in Straßenbahn, Badewanne und Rucksack
Es ist wahr: Ich kann meine Morgen-News vom Web nicht
in der Straßenbahn lesen. Die spannende Novelle, die ich auf der
Literatur-Website gefunden habe, kann ich nicht in der Badewanne genießen.
Und die neuesten Comics von der Dilbert-Website kann ich nicht einfach
zusammenrollen und in meinen Rucksack prummeln.
Immer haben Skeptiker vertreten, sie könnten
Computer und das Internet als Medium nicht ernst nehmen, solange
Bildschirme und Displays so bodenlos schlecht abschneiden im Vergleich mit
etwas so Einfachem wie – Papier. Und sie haben recht: Papier ist in der
Tat ein hervorragendes Trägermedium für Informationen.
- Papier
speichert Schrift und Bilder. Hat der Drucker einmal ein Bild
auf Papier aufgebracht, bleibt es dort.
- Papier
hat hervorragende optische Eigenschaften. Es hat eine hohe Auflösung:
Ein Drucker kann viel mehr Bildpunkte pro Quadratzentimeter auf Papier
unterbringen als ein Webmaster auf einem Bildschirm – und damit
entsprechend mehr Informationen, nämlich bis zu 900mal so viele.
Papier erlaubt auch, Bilder aus extremen Winkeln anzusehen, sie mit
hohem Kontrast, scharf und brilliant darzustellen, und es ist selbst
in Dämmerlicht gut lesbar.
- Papier
hat eine große Darstellungsfläche. Nicht nur, dass man pro Flächeneinheit
mehr auf Papier unterbringt als auf Bildschirmen – Papiermedien wie
Zeitungen und Zeitschriften können auch einfach größer sein als
diese.
- Papier
ist leicht, biegsam und wiederstandsfähig. Das
bedeutet, dass ich Papier überall hin mitnehmen kann, in die
Badewanne, in den Regen, auf meine Reise von San Francisco nach
Hannover –was Dinge sind, die ich mit meinem 21-Zoll-Monitor nicht
versuchen wollte.
- Papier
ist leicht zu entbehren. Ich hab die neueste Ausgabe des
Spiegels im Flugzeug liegen gelassen? Ärgerlich, aber kein Drama. Du
willst meine Telefonnummer haben? Hier ist ein Blatt Papier aus meinem
Kalender mit der Nummer!
- Papier
ist ist leicht zu navigieren, sinnlich und schön:
Ich kann Informationen in einem Buch oder einer Zeitschrift schnell
finden, und Papier gibt mir unmittelbar physische Rückmeldung darüber.
500 Jahre waren Zeit genug, um Systeme wie Seiten, Seitennummern,
Kapitel, Inhaltsverzeichnisse und Indices zu entwickeln, und um uns
ihre Benutzung zur zweiten Natur werden zu lassen.
- Und
schließlich: Papier ist billig und wiederverwendbar.
All dies sind Dinge, die Monitore und Displays nicht
zu bieten haben. Doch das könnte sich schon in nächster Zeit ändern:
Zwei Firmenpartnerschaften haben sich gebildet, um ihre jeweils eigene
Version eines elektronischen Papiers aus den Labors auf den Markt zu
bringen. E-Papier, so praktisch wie herkömmliches Papier, aber so
interaktiv, so veränderbar und ein solches Fenster zum Web wie ein
Display?
Eine der beiden Partnerschaften ist eine Allianz
zwischen dem PARC-Forschungszentrum
des Kopierer- und Druckerherstellers Xerox
und 3M. Die anderen Kandidaten für die Einführung von E-Papier
sind E-Ink und die
AT&T-Tochtergesellschaft Lucent.
Xerox hat das E-Papier in den vergangenen vier Jahren
entwickelt; 3M soll bis Ende kommenden Jahres beginnen, es herzustellen.
Und so funktioniert Gyricon, die Technik, die dem E-Papier zu Grunde
liegt: In einer dünnen, biegsamen Plastikfolie sind Millionen winziger Kügelchen
untergebracht. Die eine Hälfte der Kügelchen ist weiß, die andere
schwarz. Die Kugeln sitzen in kleinen Hohlräumen, die mit Öl gefüllt
sind, so dass sie sich drehen können. Legt man eine elektrische Spannung
an die Kügelchen an, drehen sie sich. Eine Elektronik steuert, welche
Kugeln sich drehen, und welche Farbe nach oben zeigt, und kann so Schrift
und Bilder aus einzelnen Bildpunkten zusammensetzen. Ist ein Bild einmal
eingestellt, bleibt es bestehen, bis die Elektronik eine andere Spannung
anlegt. Bislang kann das Xerox-E-Papier nur schwarz-weiße Bilder
darstellen – aber Xerox PARC und 3M sagen, sie arbeiteten an einer farbfähigen
Version.
Es gibt viele Wege, Bilder auf das Gyricon-E-Papier
aufzubringen. Eine Variante, die PARC nennt, ist ein drucker-ähnliches
Gerät, durch das man das E-Papier laufen lässt und das unterschiedliche
elektrische Spannungen auf das E-Papier aufbringen würde. Auch wenn das
E-Papier hier lediglich ein Papierersatz wäre, hätte dies einen Vorteil:
Die Herstellung eines Blattes E-Papier soll kaum teurer sein die eines
herkömmlichen Papierblattes –Pfennige–, könnte aber bis zu 1000mal
wieder verwendet werden.
Solche E-Papier-Drucker könnten so klein sein, dass
man sie stets bei sich führen könnte: Die PARC-Forscher denken
beispielsweise an einen “Zauberstab”, den man über ein Blatt E-Papier
führen könnte, um ein neues Bild zu erzeugen. Hat der Stab einen
eingebauten Scanner, hat man damit viele Geräte in einem: einen Drucker,
einen Kopierer, ein Faxgerät und einen Scanner.
Doch ist es auch möglich, das E-Papier mit einer
eingebauten Steuerelektronik zu versehen (wie bei dem TFT-Display eines
Laptops), es berührungsempfindlich zu machen, und es mit einem Computer
sowie einem Funkmodem auszustatten. Dann hat man etwas, was aussieht wie
ein Buch, oder eine Zeitung, oder eine Zeitschrift – aber alles kann,
was ein Laptop kann und in der Lage ist, jederzeit und an jedem Ort neue
Informationen zu laden und darzustellen.
Die
anderen Kandidaten für die Einführung von E-Papier sind E-Ink
und Lucent. E-Ink hat ein E-Papier
namens Immedia entwickelt, dass dem von Xerox PARC ähnelt: Wieder sind es
Millionen kleiner Kügelchen in einer Folie. Nur sind diese hohl und mit
blauer Tinte gefüllt. In der Tinte schwimmen weiße Farbteilchen. Legt
man eine positive Spannung an ein Kügelchen an, schwimmen die Pigmente
nach oben und ein weißer Bildpunkt erscheint. Bei einer negativen
Spannung sinken sie nach unten, und der Pixel erscheint blau. Wieder ist
es durch die Steuerung vieler Bildpunkte möglich, Schrift und Bilder
erscheinen zu lassen. Eine Flash-Präsentation
von E-Ink zeigt sehr schön, wie das E-Papier funktioniert.
Im
vergangenen Monat hat das Unternehmen eine Partnerschaft mit Lucent angekündigt,
in der die beiden Unternehmen E-Papier für den Massenmarkt entwickeln und
vermarkten wollen (siehe Erster
Schritt zur Einführung von elektronischem Papier, San Francisco
Morgenreport, 13. Oktober 1999). Den Konkurrenten Xerox und 3M ist E-Ink
ein wenig voraus, denn das Startup hat schon im Mai den ersten praktischen
Prototypen vorgestellt: Eine Informationstafel für das Kaufhaus JCPenney.
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